UM ES VORWEG ZU NEHMEN, DAS EXPERIMENT IST AUF SEINE EIGENE WEISE GEGLÜCKT.
Die Aufgabe war, im Winter mit wenig Sonne, wenig Licht und etwas Regen den Jahreswechsel entspannt und intensiv zu erleben. Es ging darum, sich selbst in einer Tristesse zu entfalten.
Die ersten Sonnenaufgänge? Wenn man sie denn so nennen konnte. Der Nebel war so dicht, dass nicht einmal die Himmelsrichtungen zu erahnen waren. Ost und West, Morgen und Abend – es war, als hätte die Welt ihren Kompass verloren.
So begann ich, mich den Umständen zu fügen, nicht aus Lust, sondern aus Notwendigkeit. Und ich lernte, das Einfache zu sehen – ja, es zu würdigen. Die filigranen Silhouetten blattloser Äste, kaum unterscheidbar vom trüben Himmel dahinter, wurden zu Zeichnungen einer Natur, die sich entkleidet hatte, um nichts zu verbergen.
Manchmal brach ich noch vor der Dämmerung auf, und der Tag wuchs nur mühsam aus der Dunkelheit: von Schwarz zu einem schweren Dunkelgrau, dann zu einem matten Hellgrau. Es war, als durchlebe man die Welt in einer Farbpalette von Asche und Staub. Ein Tag in Schwarz-Weiß – und darin lag eine fast unerwartete Schönheit.
Doch nun der Reihe nach:
Die erste Nacht war ein Stellplatz von Camping Car Park am Lac du Der, einem Stausee aus den 50ern, der sich zu einem Tierparadies entwickelt hatte. Dort erlebte ich meinen letzten Sonnenuntergang, den ich aber aus Deutschland mitgebracht hatte.Der Lac de Der ist ein Sammelbecken für Kraniche, zur Hauptsaison sollen hier täglich 300.000 Tiere landen und starten, zurzeit waren es immer noch 20.000, sehr beeindruckend.
Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Bretagne, ein Stellplatz in Le Mans versprach naturnahe Wanderwege in der Nähe, sowie die berüchtigte Rennstrecke in fußläufiger Entfernung. Beides war gelogen, so blieb nur eine 4km Runde um einen matschigen See.
Aus Enttäuschung habe ich nicht fotografiert.
Wir beschlossen dann schon vor Sonnenaufgang, loszufahren, das war damals 9:01 und nach einer Pipi-Kacka-Runde im Dunkeln für meine Hündin, ging es zu dieser bereits beschriebenen Schwarzweiß-Fahrt zum Mont St Michel.
Der CCP Stellplatz war ca. 4 km vor St. Michel, umgeben von Schilf, flacher Landschaft, Wasserkanälen und salzigen Windböen. Schöne 9 grad warm auf der Haut und in der Nase. Ein kerzengerader Weg führte direkt zum Chateau. Kleiner Tipp, früh da sein sonst überlaufen dich die Touristen die mit Shuttlebussen her gescharrt werden, auch Ende Dezember.
Das Austernzuchtzentrum Cancale war mein nächstes Ziel. Tatsächlich gab es Austernstände wie Sand am Meer. Da ich Angst hatte mich beim Öffnen der Austern zu verletzen, und jämmerlich am Atlantik zu verbluten, blieb es beim visuellen Genuss.
Mich zog es zum Point de Grouin einer steilen Bucht. Dort machte ich eine schöne Steilküstenwanderung. So stellt man sich die Bretagne vor.
Mein Stellplatz war ebenfalls von Camping Car Park in Hirel, direkt an einem kilometerlangen und bei Ebbe sehr breiten Sandstrand. Herrlicher Wind. Lotte wälzte sich in salzigen Meeresdüften.
Tags drauf bezog ich meinen Sylvesterplatz in Cleder, ebenfalls nur 100m vom Meer entfernt. Ebbe, Flut, Wind, Sand, Felsen, Sonne.
Wunderschön für meinen Jahreswechsel.
Neujahr brach an, sanft und leise, als ich durch das Plissee meines Camperfensters blickte. Das Morgenlicht, ein zartes Versprechen, kündigte einen Sonnenaufgang an, der in schimmernden Rosa- und Gelbtönen erstrahlte – ein Schauspiel, das kein Silvesterfeuerwerk je zu bieten vermochte, und doch war es still, als würde die Welt den Atem anhalten.
Im Halbdunkel machte ich mich auf den Weg zum Strand, der in sanften Pastellfarben leuchtete. Die Ebbe hatte das Wasser zurückgezogen, und ich ließ Lotte, meine treue Begleiterin, mit einem kometenschweifartigen Schwung über den Sand flitzen. Ihr Glück war ansteckend, und ich fühlte mich ebenso erfüllt von Freude.
Doch das frühe Licht des neuen Jahres war trügerisch, ein schüchterner Vorbote, der uns in Sicherheit wiegte. Ab elf Uhr begann der Regen unaufhörlich zu fallen, und wir packten unsere Sachen, um zum nächsten Stellplatz in Crozon weiterzuziehen, direkt am majestätischen Cap de Chevre. Ein neuer Ort, ein neuer Anfang – und vielleicht, nur vielleicht, auch ein neuer Sonnenaufgang. Es wurde ein trüber Tag im Camper, nur unterbrochen von verregneten Gassigängen am Ebbestrand, zwischen Lachmöwen und müde ausgezehrten Fischerbooten.
Die Wanderung zum Cap de Chevre am nächsten Tag brauchte kein schönes Wetter um zu gelingen. Atlantischer Wind auf schmalen Pfaden, phantastische Blicke über die Weite des Küstenstreifens, schroffe Felsen, die entweder steil ins Meer stürzten oder sanft in kleinen Sandstränden mündeten. Hier spürt man sich selbst.