Die Straße der Mimosen

…wenn van Gogh dieses Gelb gesehen hätte…

An meinem sechsundsechzigsten Geburtstag fuhr ich mit meinem Hund Lotte und meinem Camper los. Ich wollte dem Frühling entgegenfahren, zur Straße der Mimosen an die Cote d’ Azur, wo ich letztes Jahr bereits herzenswarme Frühlingsgefühle hatte.

Erste Übernachtung war in Beaune im Burgund, der Partnerstadt meines Wohnortes Bensheim. Eine Stadt mit steinernen Plätzen, engen Gassen, guten Weinen und den Schatten der Vergangenheit im Neonlicht der Straßenlaternen.

Doch mein Ziel war weiter südlich, ich wollte erneut die Mimosenblüte sehen, nicht auf Bildern, nicht als ferne Idee, sondern in echt, in einer überwältigenden Farbfülle, die van Gogh sicherlich berauscht hätte. Waren Sie schon einmal in einem gelben Wald, der duftet wie die Erinnerung an Honigseife?

Wetterbedingt folgte ich doch erst einem anderen Plan, ich wollte nach Fontaine de Vaucluse um die tiefblaue Karstquelle der Sourgue zu sehen, umrahmt von hohen, schattigen Felsen.  

Wikipedia: Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist die Quelle der Sorgue am Fuße einer 230 Meter hohen Felswand, die den Fluss zur Zeit der Schneeschmelze mit bis zu 22 m³ pro Sekunde speist. Je nach Jahreszeit und Regenmenge variiert der Wasserstand sehr stark. In Trockenperioden liegt ein großer Teil des oberirdischen Beckens trocken, der Fluss tritt dann erst einige hundert Meter tiefer an die Oberfläche. Der französische Taucher und Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau erforschte mit seinem Team in diversen Tauchgängen als erster systematisch das unterirdische Höhlen- und Quellsystem.

Der Ursprung der Quelle wurde allerdings erst 1985 mit Hilfe eines Tauchroboters endgültig geklärt: Der tiefste Punkt des Siphons liegt in 308 Meter Tiefe. Die Quellhöhle ist damit die tiefste der Erde. Sie ist der Ausfluss eines unterirdischen Beckens von 1100 km² Fläche, das die Wasser des Mont Ventoux, der Monts de Vaucluse und des Montagne de Lure aufnimmt.

Am nächsten Morgen machte ich noch eine Wanderung; die schroffen Felsen ließen die zart frühlingshafte Landschaft erst spät ins Sonnenlicht tauchen. Ich sah das namenlose Kaltgrün der Olivenhaine, grauschimmernde Korkeichen, Pinienwälder, später das brennende Ocker von Roussilion, das sanfte braun der steinernen Häuser in Gordes. Das Licht hier schien mir anders zu sein. War es das Flimmern der Luft oder die durchsichtige Stille der Lichtstrahlen, die man erst bemerkt, wenn sie auf Materie treffen? Paul Cezanne hätte es gewusst. Oder Claude Monet.

Doch selbst Farben und Licht können nicht alles überstrahlen. In Deutschland war Wahlkampf, eine zweite Zeitenwende wurde ausgerufen; eine neue Welt, die eine alte war.Alte, gefährliche Ideen in neuen Köpfen und verbissene Diskurse über Demokratie und Sicherheit.Das beschäftigte mich immer wieder und trübte mein Erleben.

Erst als ich tatsächlich das Mittelmeer am Horizont erahnen konnte, als sich die Wiesen grüner und blühender zeigten, gelber Klee, frisches Schilf, zaghaftes Himmelblau. Und endgültig: die ersten Mimosen. Keine Kamera, aber auch kein Maler schafft es, dieses Gelb richtig abzubilden. Die gelben Blüten reflektieren den unsichtbaren Lichtstrahl der Sonne direkt auf meine Netzhaut. Dazwischen passt nichts, kein Gedanke, kein Geräusch und kein Zweifeln.

Mein Stellplatz in Le Lavandou war direkt vor einem kleinen Mimosenwald.Eine Wanderung entlang der Steilküste bot mir herrliche Fernblicke.

In Bormes les Mimosas war das Wetter eher trüb und das Licht wie in einem Grauschleier gefangen. Bormes bleibt aber ein Frühlingsjuwel. Farbenfrohe Botanik, neben Mimosen blühten auch die Mandelbäume, Kakteen zeigten zartrosa Blütenansätze, Tulpen und Rosen versprachen bald zu knospen.

Mich faszinierte jedoch bei einer Wanderung durchs Hinterland der Kampf mehrerer Grautöne von schroffen Felsen gege markigen Korkeichen, Korkeichen die knorrig den Glauben an Symmetrie verloren hatten.

Die Fahrt nach Roquebrune sur Argens, war eine Prüfung der Geduld. Staus, Baustellen, kaum Parkplätz für Wohnmobile. Der Campingplatz in Roquebrunne sollte nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Tanneron werden aber hinter dem Campingplatz wartete ein steiler, stiller, ein von Wildschweinspuren durchzogener Mimosenwald, ein wogendes gelb inmitten von Korkeichen. Und als wäre das noch nicht genug, konnte immer wieder einen fernen Blick über die Küste schweifen.

War das noch zu übertreffen? Ja. Tanneron. Die zweite Hauptstadt der Mimosen. Enge Straßen, getaucht in Gelb, das immer dichter wurde. Der Duft schneidend, betörend.        Und dann, als wollte die Natur ein Gleichgewicht herstellen: dunkles Korkgrün, das Blaugrün der Eukalyptusbäume, die zeitlos im Wind standen. Solch eine Natur macht gelassen, freundlich. Viele Menschen mit Mimosenzweigen in der Hand sprachen mich an wegen Lotte, ein kleiner Junge, der sie streichelte wollte sie mir mit seinem Taschengeld abkaufen.

Eine Station in den französischen Seealpen, Sospel, über den atemberaubenden Col de Braus, kurvenreich und hochalpin, ließ mich den Rückwegs – Blues vergessen. Schönes Dorf, schöne Berge, tolle Wanderung.

Am Morgen weckte mich die Sonne. Ich fuhr weiter nach Menton an die französisch-italienische Grenze. Zitronen, Gold in den Hängen. Doch kein Parkplatz. Also weiter. Zurück. Nach Italien. Ich wollte bis zum Lago Maggiore, vier Stunden Fahrt. Ein Rückwegstag. Der Hund auf dem Beifahrersitz, schlafend. Ich dachte an den Satz: Der Weg ist das Ziel. Und dann begriff ich: Wenn der Weg das Ziel ist, dann gibt es kein Ziel mehr. Kein Hier, kein Dort, kein Bleiben. Vielleicht gibt es Stationen.

Am Abend, bereits am Lago Maggiore, sah ich ein Ortschild: Varese. Der Name des Komponisten tauchte aus meinem Gedächtnis auf, fast verloren geglaubt. In meinem Bus, klein und voller Farben der Reise, hörte ich seine Musik. Edgar Varèse, HK Gruber, Wolfgang Rihm, Hans Zender, Peer Noorgard und György Ligeti. Klänge, die die Gewohnheiten des Hörens herausfordern. Sie unterbrechen das Rauschen des Bekannten. Und plötzlich war alles eins: Farben, Töne, Erinnerungen Wissen und Unwissen.

Am nächsten Morgen, ich übernachtete bei Ascona, besuchte ich den Monte Veritas, eine der ersten Kolonien wo Experimente für neue Lebensformen gemacht wurden. Es regnete leicht. Für mich schloss sich hier oben die Erlebniswelt meiner Reise: Erstens fand ich dort die nördlichsten Mimosen, die mir zwei Setzlinge spendierten, dann konzentrierten sich die Eindrücke, die provenzalischen Fragen über Licht, Farbe, Natur, van Gogh und Matisse und hier in den Schweizer Bergen natürlich Ferdinand Hodler, Malerei und Erinnerung, Fotografie und Wahrheit, dann die Klänge, getarnt als Musik, die offene Ohren braucht und das allzu Bekannte unterbricht. Zweckfreies Erleben.

Bringt uns die Neugierde zum Reisen, oder macht Reisen neugierig? Können wir Fragen stellen, die keine Antworten brauchen?

Die Frage ist der Weg, die Antwort ist das Ziel. Ich wollte keine schnelle Antwort. Nur den Weg. Nur das Jetzt.